Im Juni kann ein Balkonkraftwerk erstaunlich viel Freude bereiten. Die Sonne scheint lange, die Anzeige in der App steigt und plötzlich entwickelt sich ein bislang ungeahntes Interesse an Wattzahlen. Einige Monate später sieht die Sache anders aus. Die Tage werden kürzer, der Himmel grauer und die Stromproduktion fällt deutlich geringer aus. Kaputt ist deshalb noch lange nichts. Wer Solarstrom realistisch beurteilen möchte, sollte ohnehin nicht auf einzelne Tage oder Monate schauen, sondern auf das gesamte Jahr.
Im Juli sieht Solarstrom besonders einfach aus
Die Bedingungen für Photovoltaik verändern sich im Jahresverlauf erheblich. Lange Sommertage bieten naturgemäß mehr Gelegenheit zur Stromerzeugung als ein grauer Dezembertag, an dem es am Nachmittag bereits wieder dunkel wird.
Wer sein Balkonkraftwerk im Frühjahr installiert, erlebt deshalb häufig zunächst die besonders ertragreiche Zeit. Das kann Erwartungen prägen. Werden im Sommer regelmäßig hohe Tageswerte erreicht, erscheint diese Leistung schnell als Normalzustand. Genau das ist sie aber nicht.
Solarstrom folgt einem ausgeprägten Jahresverlauf. Die Produktion steigt im Frühjahr deutlich an, erreicht in den hellen Monaten hohe Werte und geht anschließend wieder zurück. Von einem technischen Problem kann deshalb nicht automatisch die Rede sein, wenn im November plötzlich wesentlich weniger auf dem Stromzähler zusammenkommt. Der Sommer ist schlicht ein ziemlich unfairer Vergleichsmaßstab für den Dezember.
Der Jahresertrag zählt mehr als ein einzelner Tag
Bei der Beurteilung eines Balkonkraftwerks ist es wenig sinnvoll, einen besonders sonnigen oder besonders schlechten Tag herauszugreifen. Aussagekräftiger ist, was die Anlage über einen längeren Zeitraum erzeugt.
Dabei spielen mehrere Faktoren zusammen. Die Ausrichtung der Module beeinflusst beispielsweise, zu welchen Tageszeiten besonders viel Sonnenlicht auf die Fläche trifft. Hinzu kommen Neigungswinkel, mögliche Verschattung und der jeweilige Standort.
Eine Südausrichtung ermöglicht häufig hohe Jahreserträge. Ost- und Westausrichtungen können trotzdem interessant sein, weil die Stromproduktion stärker in den Morgen beziehungsweise Nachmittag fällt. Das kann gut zu einem Haushalt passen, in dem zu diesen Zeiten ohnehin mehr Strom verbraucht wird.
Auch ein Rekordwert an einem sonnigen Mittag sagt deshalb noch nicht besonders viel darüber aus, wie gut eine Anlage zum eigenen Alltag passt. Entscheidend ist schließlich nicht nur, wie viel Strom produziert wird. Besonders interessant ist der Anteil, der direkt im Haushalt genutzt werden kann.
Im Herbst verändert sich die Solarkurve
Mit dem Ende des Sommers werden die Unterschiede zunehmend sichtbar. Die Sonne steht niedriger, die Tage werden kürzer und längere Phasen mit dichter Bewölkung sind keine Seltenheit.
Spätestens dann muss man im Winter mit weniger Leistung rechnen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Balkonkraftwerk während der kalten Jahreszeit grundsätzlich nutzlos wäre.
Auch diffuses Licht kann von Photovoltaikmodulen genutzt werden. Nur fällt die erzeugte Strommenge bei ungünstigen Lichtverhältnissen entsprechend geringer aus. Zudem gibt es selbst im Winter sonnige Tage.
Interessant ist dabei, dass Kälte an sich nicht der eigentliche Gegner eines Solarmoduls ist. Entscheidend ist vor allem, wie viel nutzbares Licht auf das Modul trifft. Deshalb kann ein klarer kalter Wintertag durchaus Strom liefern, während ein dunkler, stark bewölkter Tag deutlich weniger ergiebig ist. Wer die sommerlichen Spitzenwerte als persönlichen Sollwert abgespeichert hat, dürfte dennoch einen deutlichen Unterschied bemerken.
Auch wenig Solarstrom ist Solarstrom
Bei kleinen Solaranlagen geht es in erster Linie darum, einen Teil des laufenden Stromverbrauchs selbst abzudecken. Kühlschrank, Router und zahlreiche andere Geräte benötigen schließlich auch dann Energie, wenn gerade niemand bewusst einen großen Verbraucher einschaltet. Genau hier kann selbst eine vergleichsweise geringe Solarproduktion einen Beitrag leisten. Was unmittelbar im Haushalt verbraucht wird, muss in diesem Moment nicht aus dem öffentlichen Stromnetz bezogen werden.
Das macht deutlich, warum nicht nur maximale Spitzenleistung interessant ist. Eine Anlage muss nicht ständig an ihrer Leistungsgrenze arbeiten, um Strom für den eigenen Haushalt bereitzustellen. Umgekehrt bedeutet eine hohe Produktion nicht automatisch, dass jede erzeugte Kilowattstunde den gleichen persönlichen Nutzen bringt. Wird mittags viel Strom erzeugt, während kaum Verbrauch vorhanden ist, kann ein Teil ins öffentliche Netz fließen.
Wer seine Anlage beobachtet, entwickelt deshalb mit der Zeit meist ein besseres Gefühl dafür, wann Strom produziert und wann er im Haushalt benötigt wird.
Ausrichtung und Verschattung machen einen Unterschied
Nicht jeder Balkon bietet perfekte Bedingungen. Manche zeigen nach Süden, andere nach Osten oder Westen. Dazu können Nachbargebäude, Bäume oder der darüberliegende Balkon zeitweise Schatten auf die Module werfen. Gerade Verschattung kann den Ertrag spürbar beeinflussen. Deshalb lohnt es sich, bereits vor der Montage zu beobachten, wie sich Sonne und Schatten über den Tag verteilen.
Auch die Montage selbst spielt eine Rolle. Senkrecht am Balkongeländer befestigte Module sind zwar platzsparend, erreichen über das gesamte Jahr betrachtet aber nicht unbedingt den maximal möglichen Ertrag. Interessanterweise kann die senkrechte Position bei tief stehender Wintersonne vergleichsweise günstiger sein als während der Monate mit sehr hohem Sonnenstand.
Die optimale Lösung hängt deshalb immer von den konkreten Gegebenheiten ab. Nicht jeder Balkon muss perfekte Laborbedingungen bieten, damit eine kleine Solaranlage sinnvoll Strom erzeugen kann.
Realistische Erwartungen verhindern Enttäuschungen
Balkonkraftwerke haben einen besonderen Reiz: Die eigene Stromerzeugung wird plötzlich sichtbar. Wer eine App oder ein Messgerät nutzt, kann teilweise nahezu in Echtzeit beobachten, was auf dem Balkon passiert. Das kann allerdings dazu verleiten, ständig auf die aktuelle Leistung zu schauen. Im Juni macht das besonders viel Spaß. Im Dezember eher weniger.
Sinnvoller ist eine langfristige Perspektive. Wetter und Jahreszeiten lassen sich nicht optimieren, und selbst zwei aufeinanderfolgende Jahre müssen nicht identische Erträge liefern. Wer von Anfang an mit Schwankungen rechnet, wird deshalb von einem schwachen Wintermonat weniger überrascht. Interessanter als der Tagesrekord ist die Frage, wie sich die Anlage über viele Monate und schließlich mehrere Jahre schlägt.
Ein Balkonkraftwerk muss schließlich keinen Wettbewerb um den besten Dezember gewinnen. Seine Aufgabe besteht darin, möglichst lange einen Teil des eigenen Stromverbrauchs zu übernehmen. Und wenn im nächsten Frühjahr die Tage wieder länger werden, steigt ganz von allein auch die Zahl, auf die man in der Solar-App so gern schaut.