Wer durch einen alten Wald läuft, bewegt sich durch Entscheidungen, die teilweise vor Generationen getroffen wurden. Bäume wachsen über Jahrzehnte, manche über Jahrhunderte. Genau das macht die Gestaltung unserer Wälder heute zu einer besonderen Herausforderung. Denn während ein Wald ausgesprochen langfristig denkt, verändern sich seine Umweltbedingungen vergleichsweise schnell. Trockenperioden, Stürme, Schädlinge und steigende Temperaturen hinterlassen bereits sichtbare Spuren. Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche Bäume heute wachsen – sondern welche Wälder morgen bestehen können.
Der Wald ist ständig im Wandel
Ein Wald vermittelt auf den ersten Blick Beständigkeit. Große Bäume stehen scheinbar unverändert an ihrem Platz, während sich die Welt außerhalb des Waldrandes immer schneller dreht.
Tatsächlich befindet sich auch ein Wald permanent in Veränderung. Alte Bäume sterben, junge wachsen nach, Stürme schaffen freie Flächen und Pflanzen konkurrieren um Licht, Wasser und Nährstoffe. Viele dieser Prozesse gehören zur natürlichen Entwicklung.
Problematisch wird es, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen. Besonders die trockenen und heißen Jahre seit 2018 haben in deutschen Wäldern deutliche Spuren hinterlassen. Die vierte Bundeswaldinventur zeigt beispielsweise erhebliche Verluste bei der Fichte. Gleichzeitig hat die Bedeutung von Mischwäldern weiter zugenommen.
Forstwirtschaft steht deshalb vor einer komplizierten Aufgabe. Sie muss Entscheidungen für Jahrzehnte treffen, obwohl niemand exakt vorhersagen kann, unter welchen klimatischen Bedingungen ein heute gepflanzter Baum im Jahr 2070 wachsen wird.
Eine Baumart allein kann nicht die Antwort sein
Über lange Zeit wurden Wälder auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gestaltet. Bestände mit wenigen Baumarten vereinfachten unter anderem Bewirtschaftung und Holzernte. Unter veränderten Umweltbedingungen können solche Strukturen jedoch Risiken mit sich bringen.
Wenn eine Baumart mit Trockenheit, Hitze oder einem bestimmten Schädling schlecht zurechtkommt, können größere gleichartige Bestände entsprechend stark betroffen sein.
Mischwälder verteilen dieses Risiko auf unterschiedliche Baumarten. Das bedeutet allerdings nicht, dass wahllos möglichst viele Arten nebeneinander gepflanzt werden sollten.
Vielmehr muss die jeweilige Mischung zum Standort passen. Eine Baumart, die auf einem bestimmten Boden hervorragend wächst, kann wenige Kilometer entfernt unter ganz anderen Bedingungen Schwierigkeiten bekommen.
Welche Bäume einen zukunftsfähigen Wald bilden können, lässt sich deshalb nicht mit einer einzigen Artenliste beantworten.
Manchmal zählt auch Geschwindigkeit
Besonders sichtbar wird der Veränderungsdruck dort, wo Stürme, Trockenheit oder Schädlingsbefall größere Lücken hinterlassen haben. Auf solchen Flächen stellt sich die Frage, wie die nächste Waldgeneration entstehen soll.
Dabei muss nicht zwangsläufig jeder Baum gepflanzt werden. Wälder können sich über Naturverjüngung selbst erneuern, sofern geeignete Voraussetzungen vorhanden sind. Auf offenen Flächen siedeln sich außerdem sogenannte Pionierbaumarten an. Zu ihnen gehören beispielsweise Birken, Aspen und Vogelbeeren.
Sie besitzen Eigenschaften, die ihnen bei der Besiedlung offener Flächen zugutekommen. Dazu zählen bei verschiedenen Pionierarten eine schnelle Verbreitung und ein rasches Wachstum in jungen Jahren.
Wo nach Schäden größere Lücken entstanden sind und sich möglichst zügig wieder eine Baumschicht entwickeln soll, helfen schnell wachsende Bäume dabei, Flächen innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit wieder zu strukturieren.
Die Wachstumsgeschwindigkeit allein macht eine Baumart allerdings noch nicht zur idealen Wahl. Entscheidend ist immer, welche Rolle sie im jeweiligen Wald übernehmen kann und ob sie mit den Bedingungen vor Ort zurechtkommt.
Der Standort entscheidet mit
Beim Blick auf einen Wald fällt vor allem auf, was oberhalb des Bodens geschieht. Für die Entwicklung der Bäume ist jedoch mindestens genauso wichtig, was darunter liegt. Bodenbeschaffenheit, Nährstoffangebot und Wasserverfügbarkeit beeinflussen, welche Baumarten an einem Standort gute Bedingungen finden. Hinzu kommen Faktoren wie Höhenlage, Niederschlag und Temperatur.
Durch den Klimawandel verändert sich dabei vor allem die Bedeutung des Wassers. Längere Trockenphasen können Baumarten unter Druck setzen, die an einem Standort früher problemlos gewachsen sind. Deshalb reicht es nicht, eine vermeintlich besonders robuste Baumart zu finden und sie anschließend überall einzusetzen. Was auf einem Standort sinnvoll ist, muss auf einem anderen noch lange nicht funktionieren.
Genau darin liegt eine der großen Herausforderungen beim Waldumbau: Gesucht wird nicht der eine perfekte Zukunftsbaum, sondern eine Kombination verschiedener Arten und Strukturen, die möglichst gut zu den jeweiligen Bedingungen passt.
Ein vielfältiger Wald kann Risiken verteilen
Deutschland besitzt bereits viele gemischte Wälder. Nach den Ergebnissen der vierten Bundeswaldinventur sind 79 Prozent der Waldfläche Mischwald. Trotzdem besteht weiterhin erheblicher Anpassungsbedarf. Denn Vielfalt bedeutet mehr als lediglich zwei unterschiedliche Baumarten auf derselben Fläche. Auch verschiedene Altersstufen und Waldstrukturen spielen eine Rolle.
Ein vielfältiger Bestand kann dazu beitragen, Risiken breiter zu verteilen. Fallen einzelne Bäume oder Arten aus, bleiben andere erhalten. Gleichzeitig entstehen unterschiedliche Lebensräume für Tiere, Pflanzen und Pilze.
Das macht Waldentwicklung allerdings komplizierter. Unterschiedliche Baumarten wachsen verschieden schnell, benötigen unterschiedlich viel Licht und reagieren jeweils anders auf ihre Umgebung. Der Wald der Zukunft wird deshalb vermutlich vielerorts weniger einheitlich aussehen. Genau das kann eine seiner Stärken sein.
Ein Wald wird für Generationen geplant
Kaum ein anderer Bereich macht langfristiges Denken so anschaulich wie die Forstwirtschaft. Wer heute einen jungen Baum pflanzt oder seine natürliche Entwicklung fördert, wird möglicherweise nur einen Teil seines Lebenszyklus erleben.
Deshalb gibt es beim Waldumbau keine schnellen Lösungen. Selbst gute Entscheidungen zeigen ihre vollständige Wirkung erst nach Jahrzehnten. Gleichzeitig müssen Wälder schon heute zahlreiche Funktionen erfüllen: Sie sind Lebensraum, liefern den nachwachsenden Rohstoff Holz, speichern Wasser, prägen Landschaften und dienen Menschen als Erholungsraum. Die Herausforderung besteht darin, diese Funktionen auch unter veränderten Bedingungen zu erhalten.
Dabei wird es Rückschläge geben. Nicht jede Baumart wird sich an jedem Standort so entwickeln wie erwartet, und niemand kann sämtliche Veränderungen der kommenden Jahrzehnte vorhersehen. Gerade deshalb gewinnt Vielfalt an Bedeutung. Statt alles auf eine Karte zu setzen, können unterschiedliche Baumarten, Altersklassen und Strukturen verschiedene Möglichkeiten offenhalten.
Wer heute durch einen jungen Wald läuft, sieht also gewissermaßen eine Baustelle mit ungewöhnlich langer Fertigstellungszeit. Wie sie am Ende aussieht, werden teilweise erst kommende Generationen beurteilen können.